XXIII.
Ueber den Barnabas - Brief nach Codex Sinaiticus'),
von
Gustav Volkmar.
Erster Artikel.
So oft Tischendorf in die Posaune gestossen hat, dass wir erst jetzt, durch die Sinaibibel den Barnabas urkundlich besässen, so wenig hat er dazu gethan, dies zu bewahrheiten. Auch als er für die Dressel'sche Ausgabe der Apostolischen Väter (Leipzig, bei Hinrichs 1859 ed. II, 1863) den Inhalt des Cod. Sin. verwerthen sollte, hat er nur zum drittenmal die Handschrift ab- oder nachdrucken lassen, so weit das Griechische bis dahin fehlte, ausserdem eine blosse Variantensammlung beigegeben. Was können aber alle Lobpreisungen helfen, wenn der Cod. trotz seines hohen Alters gerade bei diesem Theile dergestalt so unlesbar, fehlervoll, lückenhaft, kurz ungenügend ist, als jede nähere Betrachtung lehrt? Es liegt selbst mehrfach reiner Nonsens vor (wie 1, 6. IV, 8. 12), den Tischendorf nicht durch die blosse Anmerkung hebt,, nihil notatum." Aber auch das fortgesetzte
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1) Mit besonderer Rücksicht auf „Weizsäcker, Zur Kritik des Barnabas - Briefes. Programm der Tübinger Universität 1863" und auf das Oster-Programm der Züricher Universität Monumentum vetustatis Christianae ineditum, ex recensione G. V. (cum indice lectionum aestivarum). Turici 1864." [Fast gleichzeitig mit dieser Abhandlung erscheint als fascic. II. meines Novum Testamentum extra canonem receptum die Bearbeitung des Barnabas. Anm. d. Herausg.]
Aussprache - Verderbniss (a = &, Ɛ = αl; El = 1, 1 = &l; 1=1= ει; υ = o) ist so sinnentstellend oder Verständniss erschwerend, dass selbst Tischendorf diese orthographischen Barbarismen mehrfach nicht mehr verstanden hat (III, 10. IV, 8). Ohnehin ist Cod. Sin. für Ep. Barnabas der älteste, aber nicht der einzige Zeuge; und mag Lat. Int. noch so lückenhaft, epexegisirend, selbst katholisirend sein, der ihm zu Grunde liegende Graecus (L zu bezeichnen) wird durch Clemens Al.'s wörtliche Citate, wie durch den Zusammenhang so oft unterstützt, dass ohne dessen vollständige Durchdringung von einem zuverlässigen Barnabas - Text nicht die Rede sein kann, wozu der in den fünf Abschriften vorliegende zweite griechische Zeuge (als erst bekannter A zu nennen) auf das erheblichste tritt. Kurz die editio oder repetitio textus Sinaitici fere barbara von Tischendorf giebt keineswegs das wichtige Denkmal des Urchristenthums ganz urkundlich, sondern nur den Anstoss, das Ursprüngliche endlich annähernd zu gewinnen.
Dabei hilft es nicht viel, an einzelnen Stellen sich zu versuchen, wie Weizsäcker unternahm, so lange nicht die Weise des Codex in seiner Totalität erfragt ist 1). Bedarf es also einer neuen Ausgabe der wichtigen Urkunde, so habe ich einen Anfang davon mit dem Versuche gemacht, wenigstens den bis dahin noch nicht bekannt gewesenen griechischen Text c. 1-5 einheitlich zu ediren, nach denselben Principien und derselben Methode, die ich bei der editio princeps des Esra-Propheten befolgte. Indem ich den Versuch Allen zu um so angelegentlicherer Prüfung empfehle, je unmittelbarer dieser erste Benutzer des Esra - Propheten in die urchristliche Entwicklung, so in die NTliche Kritik eingreift, glaube ich diese Mahnung nicht besser unterstützen zu können, als wenn ich sofort selbst einige devτeque
1) So war Weizsäcker im Stande, die Punctation des Cod. zu IV, 4, die nach aller sonstigen Analogie einen Schreibfehler notirt, als Interpunction anzusehen.
yoovτídes zufüge, zur nähern Bestimmung, wie zur Ergänzung.
Cap. IV ined. (nach meiner Abtheilung v. 8) lautet der Cod. so και μη ομοιουσθαι τισιν επισωρευοντες ταις αμαρ τιαις υμων λεγοντας.“ Tischendorf glaubte hier grösste Verderbniss zu finden, als sei εnσwqεvo vтε ebenso verkehrt als λέγοντας. Ich glaube gezeigt zu haben, dass Tischendorf nur, wie öfters, zu wenig Philolog ist, wenn auch noch so guter Diplomatiker. Der Satz ist ganz richtig, wenn man nur oμolovσda so liest, wie der Cod. sonst hundert und tausendfach an die Hand giebt oμolovo 98! Es ist dann nicht ein Wort zu ändern. Nun ist aber in der von mir angeordneten Abschrift des Cod. ein αμαρτίαις υμιν (statt du. uwv) eingedrungen und trotz sorgfältigster Vergleichung stehen geblieben: daher meine Conjectur,, Taïs ταῖς ἁμαρτίαις [ὑμῶν] ὑμῖν λέγοντας.“ So habe ich also conjicirt, was der Cod. selbst enthält, und man streiche nur die Zeichen der Conjectur nebst dem vuiv, das ja danach ganz überflüssig ist. Es erhärtet sich damit meine Lesung des Tischendorf irreführenden oμolovoda nebst dem dazu p. 13 Ausgeführten. - Die corrupte Stelle des Cod., die sich IV, 8 anschliesst λεγοντας οτι διαθηκη ημων μεν αλλ εκεινοι ούτως εις τελος απωλεσαν αυτην, heilte ich nach Massgabe des Zusammenhanges, von L geleitet durch diese Ergänzung und Schreibung ... λέγοντας ὅτι διαθήκη [καὶ ἐκείνων καὶ ἡμῶν] Ἡμῶν μὲν, ἀλλ ̓ ἐκεῖνοι Dabei wird es auch wohl wesentlich bleiben: nur kann man fragen, ob die nothwendige Einschaltung ἐκείνων καὶ ἡμῶν auch ein vorangehendes xaí bedürfe. Ich glaube nicht, und möchte es umsomehr beanstanden, als Int. Lat. bietet,,testamentum illorum et nostrum est." Mag der auch mit Zusetzung des est latinisirt haben, ein xaí scheint er vor exɛívwv doch nicht vorgefunden zu haben. Wird auch am Sinne Nichts geändert, so darf doch auch nicht das Geringste übergangen werden, wo es sich um Urkunden handelt.
...
[xai
Die erste, völlig corrupte Stelle des Sinaiticus Barn.
I, 61), die Tischendorf einfach in Kauf genommen, Weiz- säcker evident vergeblich tentirt hat (vgl. m. p. 6), hat ihre Heilung durch die Unterstellung, ευφροσυνη sei aus εὐφρο σύνης hervorgegangen, εν δικαιοσυνης dagegen aus ἐν δι xaloovn. Damit hat der räthselhafte Passus doch überhaupt einen Sinn, ohne dass ich einer andern, vielleicht künstlichern Conjectur den Weg verschliessen möchte. Nur soll man die einfache Vermuthung, εvyooσvvn sei aus - νης, Sixaiooving aus vn hervorgegangen, nicht so ansehn, als δικαιοσυνης sei eine blosse Genitiv-Verwechslung eingetreten. Vielmehr konnte das regelrecht geschriebene dixaloovvHI zu ..HC verlesen, und suppoσúvηs nach dem vorangehenden άɣáлŋ zu εὐφροσύνη adäquirt werden.
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Zu dem II, 10 fraglich gewordenen sniλvtoi, das als лýλvτoι zu lesen kaum Conjectur zu nennen ist, vgl. ausser dein von mir schon Nachgewiesenen auch Sin. Apostg. 3, 12, wo gleichfalls durch & geschrieben ist, da Beides lautete. Die IV, 13 vorkommende Seltsamkeit ɛav un vvv ev τω ανόμω καιρω και τους μελλουσιν σκανδαλοις αντιστωμεν glaube ich durch präcisere Vergleichung des Lat.,, si non modo [i. e. nisi nunc] iniquum [lies Iniquum] et futuras tentationes habeamus [lies caveamus aus haveamus]" durch diese Transposition aufgelöst zu haben: ἐὰν μὴ ἐν τῷ νῦν καιρῷ τῷ ̓Ανόμῳ καὶ τοῖς μέλλουσιν σκανδάλοις ἀντιστῶMev. Dem Beweis für die Nothwendigkeit dieser Umstellung (m. p. 14 f.) füge ich die Erinnerung hinzu, dass Cod. Sin., durch das ganze N. T. hin an Transpositionen zweifelloser Art überreich, gleich unmittelbar vorher IV, 12 eine solche bietet:,,dio meina var nosɛxoμεv" lies, wie zweifellos, τὸ περίψημα ὑμῶν [ν]. Διὸ προςέχωμεν . Dazu kommt im speciellen Falle das Vorausgehende wie Nachfolgende. Vorangeht,, Nicht nützt euch o nas zgóvos eures πᾶς χρόνος
μεν.
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1) Τρια ουν δογματα εστιν κυριου ζωη πιστις ελπις αρχη και τελος ημων και δικεοσυνη κρισεως αρχη και τελος αγαπη ευφροσυνη και αγαλλιάσεως εργων εν δικαιοσυνης μαρτυρία.
Christseins," dem entspricht,,, es kommt also darauf an, auch v to vuv xaιow, dem Bösenfeind zu widerstehen," eben so völlig als wohl nur. Der nachfolgende ὁ Μέλας hat ferner seine rechte Vorbereitung nur durch den vorangehenden ὁ ̓Ανομος. Endlich sagte der Verf. schon IV, 2 ἐν τῷ νῦν καιρῷ.
In allem Uebrigen glaube ich die an Cod. Sin. vorgenommenen Berichtigungen von selbst einleuchtend zu sehen. Daneben möchte ich aber auch auf die interpungendo gegebene Interpretation an so manchen schwierigen Stellen aufmerksam machen. In Betreff des besonders schwierigen Zusammenhangs im Anfang des schon griechisch (durch A) vorhandenen Textes IV, 6-9 wird über das zu v. 6 wie zu v. 9 (p. 17. 19) Bemerkte wohl wenig Zweifel sein können. Aber die Revision giebt anheim, nunmehr v. 7-8 geradezu als eine Parenthese zu fassen zu dem v. 6 Vorangehenden „iva αὐτὸς ἑαυτῷ τὸν λαὸν τὸν καινὸν ἑτοιμά η. Das sei nicht Israel, sondern die Sünderwelt der Heiden. Es schliesst sich dann v. 9 völlig an v. 6, worauf doch jedenfalls zurückgegangen wird (p. 19): Also setze nicht bloss nach v. 8, wie (p. 19, 3) geschehen, sondern auch vor v. 7 [vor Пégas yε] (p. 17, 10) das Zeichen der Parenthese. Interpunction ist ja Interpretation.
II. Nach diesen textualen Erinnerungen zu dem Graece ineditum des Briefes geziemt sich ein Blick auf das Ganze desselben, wie es im neuen Cod. vorliegt.
Weizsäcker erregt den Schein, als wenn wir durch Sin. zu einer völlig neuen Ansicht über den Brief gelangten. Ich kann das nicht finden. Der Brief hat und behält auch nach Sin. die dogmengeschichtliche Bedeutung, ein Vorposten der Gnosis zu sein, ihr nächst stehend, gleichsam in sie überführend, und doch noch von der eigentlichen, d. h. bewusst dualistischen Gnosis unberührt. Was die frühere Kritik über den Brief aus dem griechischen Text cap. 6-21 geschlossen hat, Schwegler, Baur, Hilgenfeld VIII. (4.) 29
(Apost. Väter 1853), m. R. J. (S. 392 f.), ist nirgends durch Sin. durchkreuzt. Denn ist auch A jünger als Sin., so ist sein Text doch gar nicht so depravirt, als man nach Weizsäcker vermuthen müsste. Ganz abgesehen davon, dass Sin. augenscheinliche Fehler enthält, wo A mit L zusammensteht, wüsste ich aus dem bei Sin. wirklich Ursprünglicheren Nichts zu nennen, was dogmatisch in's Gewicht fiel, als dass Mose bei Sin. geradeaus,, auch einer der Propheten" heisst, dass also das ganze A. T. lediglich und ausdrücklich als Prophetie oder Orakel auf J. Chr. hin gilt, wie ja factisch durch den ganzen Brief hin.
Dogmatisch wirklich Neues finden wir durch Sin. nur da, wo bisher bloss der abbreviirende, oder wie mir immer mchr einleuchtet, katholisirende Int. Lat. bekannt war. Aber in welchem Sinne? Gerade in dem, den Weizsäcker abwehren möchte. Die Gnosis soll ein fremdes Eingewächs in's Christenthum sein, Barnabas Nichts damit gemein haben. Es war schon stark, dass Weizsäcker umgehen konnte, was Hilgenfeld so klar wie wahr formulirt hat,,in dem bösen Feind, der die Juden über den geistigen Sinn des A. T. verdunkelt, den er ihnen sinnlich gestaltet, ist der Demiurg der Gnosis zwar nicht ausgesprochen, aber principiell angebahnt." Nur ein kleiner Schritt weiter ist's, dass das sinnliche A. T. von vornherein von einem niedern Geist eingegeben sei. Diess ist durch Sin. mit Nichts aufgehoben. Und was sagt das durch ihn wirklich Neue? Es bekräftigt nur das nahezu Gnostische," es bezeugt nur noch aus · drücklicher die Bewegung, die selbst von juden christlichem Standpunct aus zur Ausscheidung des alten sinnlichen Judenthums führte, im Sinne eines rein geistigen Verständnisses der,,h. Schriften" (A. T's.), als,, vom Geiste," dem Christus - Geiste eingegeben. Mit dieser Auffassung des Christus als des ewigen Gottes - Geistes selbst, die von der Gnosis so mannichfaltig weiter entwickelt ist, steht im engsten Zusammenhang das Leben im Geiste, das ewige Leben. Liess nun Int. Lat. den Verfasser (1, 6) sagen,, ,Tres sunt ergo consti
tutiones domini: vitae spes, initium et consummatio," war ein blosses Hoffen auf ewiges Leben, dieses als bloss jenseitiges ausgesprochen. Dem griechischen Text zufolge, den Int. nur katholisirend depravirt hat, hat der Verf. das gerade Entgegengesetzte im Sinne vor Allem sei,, Leben, Glauben, Hoffnung Anfang und Ende von uns," von unserm Christsein, also das,, Leben," das ewige Leben schon im Anfange unseres Christseins vorhanden. Das ist zwar principiell christlich, ein Princip im wirklich apostolischem Christenthum, aber so ausdrücklich ausgesprochen hat es erst die Gnosis und das ihr Nächststehende.
In demselben Sinne, dass der Geist (Gottes)" den Christus wie den Christen bildet, nennt Barnabas laut Sin. alle Christen,, die Söhne Gottes" (ws пoέne vioïs dɛou, sicut decet filios dei), woraus katholische Hände das alte verwirrende,, sicut dicit filius dei" gemacht haben. Gleich der Anfang ruft zu allen Christen als ,, Söhnen und Töchtern," ohne Zweifel Gottes. Noch ausdrücklicher nur hat die Gnosis ausgeführt, was der entwickeltere christliche Geist durch unsern Alexandriner I, 3 ausspricht: wir haben „, to uvτov τὸ ἔμφυτον (To Jεov)," also die Natur, das Wesen Gottes,, empfangen durch das geistige Gnadengeschenk," was der lat. Katholiker wiederum nicht ertragen konnte und daher zu dem Widersinn verkehrt hat naturalem gratiam accepistis!" Wenn endlich innerhalb des neu entdeckten Theils des Briefes V, 8 ff. für den Verf. Christus als den,, Sohn Gottes" gerade dadurch sich manifestirt, dass er nicht das Volk Israel, sondern die Sünderwelt" der Heiden zu seinem Volk, dem neuen Gottesvolk" macht, so hätte das nahezu Marcion sagen können.
Da er dennoch völlig unberührt ist von der βλάσφημος didaoxalía Marcions, ohne daran direct Theil zu nehmen oder auch irgend dagegen zu kämpfen, so ist die Entstehungszeit dieser urchristlichen Epistel schon damit so sicher auf die antikere Zeit, vor 138 gestellt, als Ep. Polycarpi, Epp. ad Timotheum und Titum, Epp. III sec. Joh., Ev. secun
dum Joannem im Hinblick auf diese imponirendste Gnosis verfasst, erst seit 140 entstanden sind. Fragt sich nun, wann näher vor Marcion der alte Alexandriner geschrieben hat, so ergiebt sich als terminus a quo ebenso bestimmt einige Zeit nach der neuen Zerstörung Jerusalems, die der Brief cap. 16 unzweifelhaft voraussetzt. Aber auch zur Näherbestimmung der Entstehungszeit innerhalb dieses ersten nachapostolischen Zeitraums von c. 75-130 u. Z. scheint mir Cod. Sin. noch Bestimmteres beizutragen, als schon der früher bekannte Text enthielt. Im Besondern scheint mir jeder Gedanke an die Zeit Vespasian's, wie durch cap. 16 so durch cap. 4 nach dem wohl zweifellosen novum des Sin. ausgeschlossen, was Weizsäcker's apologetischer Versuch, dabei zu möglichster Frühdatirung des JohannesEvangeliums stehen zu bleiben, in volles Licht setzt; und wie schon der apokalyptische Theil des Briefes cap. 4 völlig auf die Adrianische Zeit passt, so scheint nun durch das Neue, was Sin. cap. 16 bietet, näher indicirt der Anfang derselben, speciell 118 u. Z., was einer besondern Betrachtung überlassen bleiben mag.
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